Ars Organi - Heft 4 (Dezember 2007)

Hassler, Ich gieng einmal spatieren

Diese Besprechung einer CD mit der Aufnahme eines Cembalos hat sich keineswegs in diese Zeitschrift verirrt. Ein Grund dafür wäre allein schon die alte Literaturgemeinschaft der Musik für Tasteninstrumente, die das Spiel sowohl auf Cembalo, Klavichord und Orgel ermöglichte. Das trifft für die hier gebotenen Stücke von Jacob Hassler zu (Toccata, Ricercares u.a.). Ein wichtigerer Grund dafür ist freilich das ebenfalls vorgestellte umfangreiche Stück von Hans Leo Hassler. Durch 31 Variationen über das Lied "Ich gieng einmal spatieren" ist es ein Werk geradezu enzyklopädischen Formats, das nur wenige Jahre vor den noch umfangreicheren Variationen über das Vater-unser-Lied von Joh. Ulrich Steigleder entstanden ist. Beim ersten Anhören wird kein Organist an ein weltliches Lied denken, vielmehr drängen sich die wohlbekannten Kirchenlieder "Mit Ernst, o Menschenkinder" und "Von Gott will ich nicht lassen" geradezu auf. Hier ist das Gleiche geschehen wie mit Hasslers Weise zu dem weltlichen Lied "Mein G'müt ist mir verwirret", die bald für die Lieder "Herzlich tut mich verlangen" und "O Haupt voll Blut und Wunden" verwendet worden und in dieser Form bis heute bekannt geblieben ist. Das Changieren einer Melodie zwischen ,geistlich' und /weltlich' mutet heute fremdartig an, war aber seit Luther im 16. Jahrhundert gebräuchlich und deutet auf den Zusammenhang von kunstvoller weltlicher und geistlicher Musik. Ohne weiteres ließen sich einzelne Variationen aus dem Zyklus "Ich gieng einmal spatieren" auch als Cho-ralvorspiel verwenden.
Hassler demonstriert in den 31 Variationen die zu seiner Zeit bekannten Variationstechniken umfassend, so dass das Anhören nicht langweilt. Leon Berben spielt auf dem silbrig klingenden Cembalo stilgerecht und unprätentiös und hat für das Booklet einen instruktiven Kommentar beigesteuert. Zur Verwendung des Zyklus könnte man an die Goldbergvariationen denken. So wie seinerzeit Graf Keyserlingk sich von seinem Cembalisten Goldberg in schlaflosen Nächsten einige ,seiner' Variationen vorspielen ließ, könnte man sich heute mittels der CD von Leon Berben zum gleichen Zweck einige der Hasslerschen Variationen vorspielen lassen ...

Martin Balz


   
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