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Concerto Nr. 216 (Oktober/November
2007)
Johann Ulrich Steigleder: Complete
Organ Works
Endlich gibt es eine
komplette und ernstzunehmende Einspielung der Orgelwerke
von Johann Ulrich Steigleder (1593-1635), dem Stuttgarter
Stifts- und später auch Hoforganisten, der im Dreißigjährigen
Krieg an der Pest starb. Da ist zunächst das originelle
Tabulatur Buch Darinnen Daß Vatter unser auff 2. 3 und 4
Stimmen Componiert und viertzig mal Varirt wird von 1626/27,
ein einfalls- und abwechslungsreiches Kompendium der damaligen
Möglichkeiten der Choralvariation, durchexerziert an "Vater
unser im Himmelreich", das die erste der beiden hörenswerten
CDs randvoll füllt. Das geht vom schlichten Bicinium bis
zur prächtigen "Fantasia, oder Fugen Manier. 4 Vocum" -
auf den ersten Satz, gleich in dieser Art, der mit fast
elf Minuten kein Ende nehmen will, folgt noch ein gleicher,
wesentlicher kürzerer mit der selbstironischen Anmerkung
"Vor die jenige welchen mit langen Fugen nicht gedienet."
Auf der zweiten CD kommt die noch viel sprödere Ricercar
Tabulatura, 1624 vom Komponisten eigenhändig in Kupfer gestochen;
diese Technik wurde dabei erstmals verwendet, außerdem erstmals
in Deutschland statt der Buchstabentabulatur moderne Notentypen,
zeitgleich mit Samuel Scheidts Tabulatura Nova (bei Scheidt
als Partitur, bei Steigleder als >Claviersystem< mit zwei
mal fünf Linien).
Leon Berben, 1970 im niederländischen Heerlen geboren und
bekannt geworden spätestens als letzter Cembalist des inzwischen
aufgelösten Ensembles Musica Antiqua Köln, gelingt es aber
auch hier, mit feurig-farbigem Spiel der Musik Leben einzuhauchen,
bei vorbildlich gleichbleibendem Grundschlag - was an Palestrina
denken lässt, den Steigleders Vater beim Studium in Rom
noch erlebte. Bewusst und treffend wählte Berben die entschieden
norddeutsche Orgel der Jacobikirche in (Cuxhaven-)Lüdingworth,
erbaut von Antonius Wilde 1598/99, erweitert von keinem
Geringeren als Arp Schnitger 1680-83 und restauriert von
Jürgen Ahxend 1981/82. Schließlich lässt sich Steigleder
nicht in eine süddeutsche >Kiste< zwängen, hatte er doch
internationale Einflüsse unter anderem aus den Niederlanden
(Sweelinck) aufgenommen.
Leon Berben weist im informativen Beiheft auf den historischen
Kontext hin: Solche gedruckten Orgelwerke waren damals nicht
für den Konzertvortrag gedacht, sondern für Studienzwecke
- als wahre Komposition galt die Improvisation. Beweis:
Noch bei Buxtehude hatten die Dienstorgeln als höchste Taste
a", die Drucke überschreiten aber diesen Ambitus (Berben
nennt auch ein Gegenbeispiel: Das 1649 erschienene Libro
Secondo von Steigleders mutmaßlichem Schüler Froberger geht
nicht darüber hinaus.) Nach Praetorius und Erbach fand der
Unterricht am Clavichord statt, dieses wiederum war im 17.
Jahrhundert mitteltönig im 1/5 oder 1/6 des pythagoreischen
Kommas gestimmt, die Orgeln dagegen 1/4. So musste das achte
Ricercar für diese Aufnahme von E nach D transponiert werden,
um einige allzu >harte< Intervalle wie h-dis, ais-cis und
dis-ais zu vermeiden.
Ingo Hoddick
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