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Concerto Nr. 45 (Juni 2005)
Jacob Praetorius - Von allen Menschen
abgewandt
Mehrere ihrer musikalischen
Talente schickten die Hamburger Bürger Anfang des 17.
Jahrhunderts zum norddeutschen Organistenmacher Jan Pieterszoon
Sweelinck nach Amsterdam. Darunter Jacob Praetorius (alias
»Schultze«) und Heinrich Scheidemann, Söhne
aus angesehenen Organisten-Familien, die nach ihrer Rückkehr
auch bald auf Lebenszeit in entsprechende Ämter der
Hansestadt berufen wurden: Praetorius an St. Petri, Scheidemann
in der Nachfolge seines Vaters an St. Katharinen. Johann
Mattheson hat diese beiden herausragenden Orgelmeister auf
der Basis der ihm im 18. Jahrhundert noch zugänglichen
lokalen Quellen charakterisiert, nachzulesen in seiner Grundlage
einer Ehren-Pforte von 1740: »Prätorius bezeigte
sich immer sehr gravitätisch und etwas sonderbar; nahm
seines Lehrherrn hohes Wesen an; und liebte die äußerste
Nettigkeit in allem seinen Thun, wie der Holländer
Gewohnheit ist. Scheidemann hingegen war freundlicher, und
leutseeliger, ging mit jedermann frey und frölich um,
und machte nichts sonderliches aus sich selber. ... Schultzens
Sachen fielen schwerer zu spielen, und wiesen mehr Arbeit,
worin er vor allen andern was voraus hatte.«
Praetorius gravitätischer Art ist in der vorliegenden
Aufnahme trefflich nachzuhören. Was nicht heißt,
dass man Léon Berbens Interpretation irgendwelche
Mühen beim Spielen anhören würde. Mit Leichtigkeit
verwandelt er auf der Scherer-Orgel in Tangermünde,
einem der besterhaltenen historischen Instrumente der norddeutschen
Orgellandschaft, jene kontrapunktisch elaborierten und gerne
phantasievoll am Cantus firmus entlang kolorierten Sätze
in betörende Klanggebilde. Gilt den ausladenden Bearbeitungen
der Choral- Melodien und Magnificat-Töne das Hauptaugenmerk
der Einspielung, hat Berben ihnen als Intermezzi drei Praeambula
beigegeben kürzere, thematisch freie Kompositionen
mit fugiertem Mittelteil.
Die liturgische Alternatim-Praxis lässt er beim Magnificat
Primi Toni wieder aufleben; die Mezzosopranistin Britta
Schwarz übernimmt dabei den vokalen Part. Das damals
weit verbreitete liturgische Wechselspiel zwischen gesungenen
Lied- oder Psalmversen und (meist improvisierten) Instrumentalsätzen
beginnt hier mit der unbegleiteten Psalmodie des ersten
Verses, erst dann setzt die Orgel mit Klangmacht und Kontrapunkt-Pracht
ein, um die Psalmodie im weiteren Verlauf teils zu ersetzen,
teils zu ergänzen (letzteres etwa im wirkungsvollen
Echo-Spiel zwischen dem »Esurientes« und dem
»Suscepit Israel«). Auf die reine Orgelbearbeitung
beschränkt Berben dagegen die Wiedergabe des Magnificat
Quarti Toni, während er im Magnificat germanice
den ersten Vers in niederdeutscher Fassung mit der Wiederholung
jeder Textzeile zum Orgelspiel singen lässt.
Berben hat ein im Nebeneinander von gebundenen und freien
Stücken, aber auch in der Binnenstruktur der Choralbearbeitungen
höchst abwechslungsreiches Programm zusammengestellt,
das die Möglichkeiten des dreimanualigen Instruments
von 1624 mit Virtuosität vorführt. Im Booklet
hat er überdies die Möglichkeit genutzt, Persönlichkeit
und Wirkungsfeld des Jacob Praetorius u.a. mit Hilfe der
Mattheson-Zitate pointiert zu skizzieren.
Die Disposition der Scherer-Orgel findet sich hier ebenfalls,
allerdings wurde auf Angaben zu den Registrierungen der
eingespielten Werke verzichtet. So ist der Rezensent auf
Mutmaßungen angewiesen, welche Register die Kolorierung
des Cantus firmus im letzten Vers der Choralbearbeitung
»Von allen Menschen abgewandt« prägen,
mit der die Einspielung endet. Sind es vielleicht Zifelit
1 1/2 und Scharp 3-6fach aus dem Rückpositiv
oder etwa Nasath 3 und Zimbel 3fach
aus dem Oberpositiv, mit denen Berben die Tongirlanden in
der Oberstimme des Triosatzes auf dem mitteltönig gestimmten
Instrument fast impressionistisch einfärbt?
Bernd Heyder
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