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Pizzicato Nr. 162 (4/2006)
Hassler - Ich gieng einmal spatieren:
Hassler in idealer Interpretation
Sowohl der ältere Hans-Leo wie
auch sein jüngerer Bruder Jacob Hassler verbrachten
Teile ihrer Karriere in Diensten der Fugger. Dort haben
beide mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einem Instrument
vom gleichen Baumeister gespielt, das auch auf dieser Aufnahme
verwendet wird. Das so genannte Patavinus-Cembalo, das heute
im Deutschen Museum aufbewahrt wird, beeindruckt nicht nur
durch ein beeindruckendes Äußeres, wie es v.
a. die Detailaufnahmen der aufwendig gestalteten Verpackung
nahe legen. Auch der Klang ist zugleich von einer eleganten
Fragilität, wie sie von einem niederländischen
Cembalo herrühren könnte, kann andereseits aber
auch mit einem Glanz und Volumen aufwarten, in dem sich
die unmittelbare venezianische Umgebung des Erbauers, Francesco
Padovano, detto l'Ongaro, wiederspiegelt.
Die Clavierwerke Jacobs und Hans-Leo Hasslers zeigen bemerkenswert,
wie sehr beide Brüder auf dem Stand ihrer Zeit waren.
In den beiden Ricercars und der Fuga im siebten Ton, die
der Musica-Antiqua-Köln-Cembalist Léon Berben
für diese Aufnahme gewählt hat, präsentiert
sich Jacob Hassler als kreativer und witzreicher Meister
des fugierten Komponierens. Vor allem das Ricercar del primo
tuono weiß dem Hörer echte Knoten in Gehörgang
zu setzen. Hans Leo Hasslers 45-minütige Variationenreihe
über 'Ich gieng einmal spatieren' ist der Höhepunkt
der CD. Sie liefert nicht nur, wie Berben in seinem informationsreichen
und außergewöhnlichen gut lesbaren Begleittext
hervorhebt, Beispiele für die unterschiedlichsten Variationsstile,
sondern entwickelt mit ihrer Beschränkung auf eine
Motivvorlage einen enormen hypnotisierenden Sog.
Daneben war die Gattung der Clavier-Variation zur Zeit nach
Frescobaldi größere Verbeitung finden.
Berben ist ein Idealinterpret für diese Werke. Sein
gemessener, im Gesamt etwas kühler Vortrag hebt die
gelehrte, kontrapunktische Dimension der Werke hervor. Dadurch
ist der gesamten Einspielung ein nüchterner, elegant-intellektueller
Grundzug zueigen, und erinnert womöglich ein wenig
an Einspielungen von Fabio Bonizzoni. Gleichzeitig feiert
er aber auch die klangliche Breite des Instruments sowie
die beschaulichen und ekstatischen Aspekte der Werke mit
vorantreibender Hingabe. Der technische Anspruch der Werke,
etwa in den zahlreichen Läufen im Bass, wird wie beiläufig
bewältigt und die Verzierungen kommen gleich mit der
Lichtigkeit von Schmetterlingsflügeln daher. Obwohl
das Repertoire möglicherweise nur ein Spartenpublikum
anspricht, hat die CD ihre sehr gute Bewertung in jeder
Hinsicht verdiendt.
Erwin Hösi
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